Veröffentlicht in Allgemein, Schriftstellerin

Charaktere schreiben

6. Begrüßung

wir müssen über Charaktere sprechen. Schwer, oder? Meistens hat man zu Anfang schon das Aussehen oder einen Namen, aber das hilft nicht immer. Bei mir ist immer eines von beidem da und das andere zum jeweils anderen zu finden ist eine der schwersten Aufgaben, denn hat man das Aussehen, kann man nicht irgendeinen Namen nehmen. Ich sehe den Charakter bereits, ich sehe ihn oder sie, wie sie ist oder was sie / er sein soll und wenn es der falsche Name ist, dann wird der Charakter schnell schwach oder eine Heulsuse oder vieles anderes, aber nicht, dass was der Charakter sein soll. Keine einfache Aufgabe, wie ich finde. Aber es macht auch Spaß. Mir fallen immer viel zu viele Charaktere ein. Aber wen lässt man auftreten? Wer muss hinter der Bühne stehen?

Sich an die Charaktere heran zu wagen ist keine einfache Sache. Viele Charaktere, vor allem meist jene, die die Geschichte beeinflussen oder prägen, kommen einen spontan in den Sinn. So wie ein J. K. Rowling im Zug mit Harry oder Stephenie Meyer mit Bella und Edward im Traum oder gar Cornelia Funke, als Jacob Reckless in ihrem Schreibhaus saß und auf sie wartete. Mir ging es bei Elohim Saga auch nicht anders, als viele meiner Charaktere einfach auftauchten, wie eine Glühbirne, die plötzlich über meinen Kopf zu strahlen begann.

Die Figuren waren einfach da, entweder nach einem bestimmten Lied, welches ich im Radio hörte oder vor einigen Jahren, als ich in der Straßenbahn nach Hause fuhr, stand vorne ein junges Mädchen. Sie saß so anders und ungewöhnlich aus, dass ich mir gleich eine Notiz zu ihrem Äußeren machte und so meine neuste Figur damit prägte. Ganz ohne es zu wissen. Jeder Mensch, den wir sehen oder kennen, prägt uns, wenn wir dabei sind uns Figuren auszudenken. Wenn ich an starke Menschen denke, sehe ich meine Mutter, Freundinnen wie Ella oder bestimmte Filmrollen. Wenn ich an zarte, sensible Menschen denke, sehe ich meine Freundin Mandy z.B. Bei starken Männern sehe ich gerne und stets die hübschen Männer aus Filmen, die alles riskieren. Ist vielleicht zu viel Klischee, aber es inspiriert.

Doch nicht nur Äußerlichkeiten sind wichtig. Es gibt vieles woran man denken muss. Ich gehe immer so vor, dass ich mir erstmal die wichtigsten Dinge aufschreibe über die Figur. Dafür meine kleine Checkliste:

  • Vorname / Nachname (gibt es auch einen Spitznamen?)
  • Alter (Geburstag kann wichtig sein, muss aber nicht)
  • Wohnort (kann wichtig sein, wenn die Figur aus einer bestimmten Stadt ist oder aus einem bestimmten Königreich / Land)
  • Äußerlichkeiten (Größe, Gesicht, Statur, Haare, Augen, Narben, Tattoos, Kleidung, Schmuck, etc., alles was einen zu der Figur einfällt)
  • Gaben / Fährigkeiten (wenn sie welche haben)

Das sind, wie ich finde, die wichtigsten Eigenschaften auf einem Blick. Mehr schreibe ich zuerst nie auf, denn man sollte sich selbst von seinen Figuren überraschen lassen. Alles zu planen ist gut, natürlich, aber wenn man zu viel plant, können sich die Figuren nicht selbst entwickeln, aber vor allem werden sie nicht lebendig. Während ich schreibe, nehmen mir meine Figuren die Zügel aus der Hand. Ich tippe nur noch, während sie erzählen, machen und tun. Ich denke nicht mehr darüber nach. Es geschieht einfach, dann sehen die Tattoos plötzlich so und so aus, oder sie sind nicht mehr arrogant, sondern nur vorsichtig.

Planen ist gut. Zu viel Planen macht alles kaputt! Finde ich zumindest so. Ich sehe bei anderen, dass sie alles planen. Vom kleinsten Detail bis zum Schluss. Soll jeder machen, wie er es mag, aber ich könnte es nicht. Sobald ich wirklich ALLES plane, habe ich keine Lust mehr zu schreiben, denn dann weiß ich ja alles. Nein, das mache ich nicht. Ich lasse vieles offen. Außerdem, wenn ich mal alles ziemlich gründlich geplant habe, so weit ich mochte, haben meine Figuren alles wieder umgeworfen und ich konnte es neu planen, also lasse ich vieles offen und warte, was meine Figuren tun, sagen und handeln und dann wird es in meine Planung mit aufgenommen.

Während des Schreibens entwickeln sich Figuren. Ich habe mal eine Figur geplant, die zerstörerisch sein sollte und die Beziehung der beiden Hauptfiguren kaputt machen sollte, aber nach zwei Kapiteln wollte die Figur einen anderen Weg einschlagen. Ich hatte keine Gewalt mehr über ihn und immer mehr gefiel er mir, bis … nun ja, ich habe die Geschichte umgeschrieben bzw. bin dabei und er ist nun mit der Hauptfigur zusammen und der eigentliche Partner der Hauptfigur ist Geschichte (lach). Tja, so kann es aber gehen! Und gerade das macht die Figuren zu etwas Besonderen und ich denke, dass auch dies die Leser spüren können.

Die Charaktere haben ihr eigenes Leben
und ihre eigene Logik,
und danach muss man handeln.
Isaac Busheris

Die Worte finden ihren Platz auf dem Papier, währenddessen finden auch die Figuren ihren Platz in ihrer / meiner Welt, dadurch lerne ich sie näher kennen. Mir ist das Geschehen. Dann finde ich Dinge über sie heraus, die ich vorher nicht wusste und dann schreibe ich sie auf. Das werden Eigenschaften sein, die Familie, Beziehungen (falls sie nicht schon vorher erdacht worden sind), Beruf bzw. Tätigkeiten. Kämpfer oder Bürohengst? Manchmal ist man sich auch nicht sicher, was zu einer Figur passt. Das hatte ich bei einer meiner Nebenfiguren. Erst sollte er nur ein sinnloser Kämpfer sein, dann wurde er dieses und dann jenes und am Ende wurde er zu einer der wichtigsten Figuren im Team mit speziellen Talenten und das hat sich auch während des Schreibens entwickelt.

Es kommt der Moment,
in dem ein Charakter etwas tut
oder sagt, über das du nicht nachgedacht hattest.
In dem Moment ist er lebendig
und du überlässt den Rest ihm.
Graham Greene

Oft erfährt man während des Schreibens auch witzige Sachen, wie besondere Talente oder Ticks, Neigungen, die plötzlich in Situationen während des Schreibens auftauchen. Was ich meist vorher schon bedenke ist die vergangene Situation der Figuren, die sich dennoch während des Schreibens verändern kann. Sich vorher darüber Gedanken zu machen, kann helfen vieles an der Figur zu verstehen und ihr einen Weg zu geben, den er gegangen oder gehen soll. Aber am Ende wird so wieso alles anders…

Manch einer meint, es ist auch wichtig, sich zu überlegen, welche Funktionen die Figuren in der Geschichte haben sollen und was mit ihnen passieren soll, wie ihre genauen Verhältnisse zueinander stehen und so weiter. Ich habe versucht so zu denken, mir bis ins kleinste Detail alles auszudenken, doch wie gesagt, nach einigen Seiten oder auch manchmal Kapiteln, haben meine Figuren sowieso wieder alles über Bord geworfen und dann musste ich wieder alles neu planen. Und auch Plan B ist wieder verworfen worden nach den nächsten Kapiteln.

Es gibt also eine Welt,
deren unabhängiges Schicksal ich bestimme?
Eine Zeit, die ich mit Ketten von Zeichen binde?
Eine Existenz, die beständig ist durch meine Verfügung?
Wislawa Szymborska

Mir wurde sogar schon gesagt, meine Charaktere haben keine Tiefe. Vielleicht schneide ich mir jetzt ins eigene Fleisch mit dieser Aussage, aber das ist mir gleich, denn ich bin anderer Aussage. Ich habe nämlich auch schon das genaue Gegenteilt gehört. Es ist nicht einfach mit all diesen Aussagen umzugehen, aber ich versuche auch schlechte zu verstehen, selbst wenn ich einige Tage zum Verdauen brauche.

Jeder macht es anders, natürlich, nur bin ich der Meinung, dass das Schreiben nicht ausschließlich mit dem Planen zusammenhängt, sondern vor allem mit Liebe und dem Fallen lassen in die Worte. Einfach schreiben, alles was geschieht, was die Figuren dir zu flüstern. Nicht so viel denken, am besten gar nicht.

Lass deine Finger über die Tastatur gleiten, lass den Füller über das Papier schweben, aber denk nicht nach. Lass einfach alles geschehen und deine Figuren erwachen zum Leben … sie atmen…

2. Schluss

Autor:

Schriftstellerin & Künstlerin

4 Kommentare zu „Charaktere schreiben

  1. Ist bei mir auch so. Ich erstelle das Gerüst, aber die Charaktere sind die, die bauen, die sich weiterentwickeln, die mich überraschen. Mir fallen deshalb oft die ersten Kapitel etwas schwer, weil die Charaktere da noch nicht ganz die Zügel übernommen habe, da muss ich noch selbst gucken, dass alles Sinn macht, muss mich noch in die Geschichte einarbeiten.
    Die Rahmenhandlung steht, aber was daraus gemacht wird, weiß ich auch noch nicht. WIe du schon sagst, ist ja langweilig 😀

    Gefällt 1 Person

  2. Was für ein schöner Beitrag! ❤
    Das kommt mir alles sehr bekannt vor… Und jetzt habe ich auch richtig Lust über meine eigenen Figuren zu schreiben 😉 Nein, aber ehrlich: ich habe es auch probiert, das mit dem alles durchplanen – nach ein paar Seiten ist das Projekt dann wieder in der Schublade gelandet. Es macht mir dann einfach nicht so viel Spaß. Außerdem sind die Szenen, die meine Testleser als Lieblingsszenen nennen, bis jetzt immer die gewesen, die ich absolut GAR NICHT eingeplant hatte. Die einfach so passiert sind.
    Und meine Figuren kontrollieren… Klar. Irgendwie habe ich sie erfunden. Aber wenn sie einmal erfunden sind, kann ich sie nicht mehr kontrollieren. Das würde ihnen doch jede Überzeugungskraft nehmen. Und wenn dann die Figur, die eigentlich als Love Interest für meine weibliche Protagonistin gedacht war, sich als schwul herausstellt, dann ist das eben so. So durfte ich gleich über zwei großartige männliche Charaktere schreiben (einen Love Interest musste es ja trotzdem geben) – um so besser 🙂

    Also: vielen Dank für diesen Beitrag, der mich gerade richtig motiviert hat, jetzt sofort weiterzuschreiben.

    Alles Liebe,
    Maike

    Gefällt 1 Person

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